Kolumbien – magische Moderne

Nachdem ich sämtliche Warnungen – ausschließlich von Menschen ohne Südamerika-Erfahrung – in den Wind geschmissen hatte, machten wir, meine 11-jährige Tochter Flavia und ich, uns auf den Weg nach Kolumbien. Ich hatte das Land schon vor vielen Jahren kennen und lieben gelernt und wollte diese einmalige Erfahrung nun mit meiner Tochter teilen.

Nach einer Nacht in Bogota ging es am nächsten Morgen bereits weiter mit Satena, Kolumbiens „Dschungel-Airline“ in Richtung San Agustin, ein kleines Städtchen, bekannt für seine beeindruckenden Ausgrabungen einer sagenumwobenen Kultur, die bereits verschwunden war, als die Spanier ankamen. Ich war eingenickt im Flugzeug und die Worte meiner Tochter „Mama, schau wie schön!“ weckten mich. Wir hatten die Wolkendecke durchbrochen und die Landschaft dieser Gegend rund um San Agustin präsentierte sich uns in ihrer ganz speziellen reizvollen Schönheit. Sanfte Hügel in allen Grün-Schattierungen, unterbrochen von grandiosen Wasserfällen und tiefen Einschnitten der Flüsse Magdalena und Cauca, lagen unter uns. Es waren nur wenige Häuser zu sehen, ein riesiger Kontrast zur Metropole Bogota, welche immerhin geschätzte 10 Millionen Einwohner beherbergt, mehr als ganz Österreich zusammen!

San Agustin ist ein nettes Bergstädtchen mit relaxten, freundlichen Einwohnern, die immer an einem Gespräch interessiert sind und vor allem auch immer Zeit dazu haben, fantastischem Essen zu unglaublichen Preisen und einer atemberaubenden Landschaft. Wir hatten das Gefühl, jetzt richtig in Kolumbien angekommen zu sein. Als wir dann aber unsere Unterkunft bezogen, war das Glück perfekt. El Maco, ein bisschen außerhalb des Zentrums gelegen, ist eine Bio-Finca mit verschiedenen Unterkünften, jede einzelne mit viel Liebe geplant und mit Blick fürs Detail eingerichtet. Für den Individualtouristen, der die Natur und die Einfachheit einem 5-Sterne-Bunker vorzieht, die perfekte Unterkunft zu einem mehr als fairen Preis. Von hier aus können auch sämtliche Ausflüge perfekt organisiert werden. Wir verbrachten 5 Tage mehr oder weniger auf dem Pferd und erkundeten auf diese Weise die wunderschöne Landschaft mit ihrer beeindruckenden Flora, welche Pflanzen in Baumgröße hervorbringt, die man bei uns grad mal im kleinen Blumentöpfchen in der Gärtnerei kaufen kann. Pacho, allerorts bekannter Führer der Region, stellte uns freundlicherweise jeden Tag seine tollen 2 Pferde zur Verfügung und so konnten wir unvergessliche Tage in San Agustin verbringen.

Für unsere Weiterreise nach Cartagena kaufte ich zwei Flugtickets für den nächsten Tag. In Cartagena angekommen, schlugen uns zuerst einmal 35 Grad Celsius gepaart mit einer enormen Luftfeuchtigkeit ins Gesicht. Es war so richtig heiß! Aber das hatten wir uns ja gewünscht, denn die Nächte in San Agustin waren teils schon etwas frisch geworden.

Wir entschieden uns für eine Unterkunft im Ortsteil Getsemani, ein äußerst buntes Viertel mit engen Gassen, zahlreichen Backpacker-Unterkünften, ganz vielen kleinen Restaurants und einer umwerfenden, pulsierenden Lebensenergie. Im Gegensatz dazu erschien uns die Altstadt von Cartagena zwar schön, aber etwas zu künstlich, viel zu touristisch und überteuert.

Flavia hatte Sehnsucht nach einem tollen Strand und so machten wir eine Bootstour nach Playa Blanca, einem Karibikstrand wie aus dem Katalog, mit puderweißem Sand und einem Meer, welches sich in den verschiedensten Türkis-Schattierungen spiegelt. Wenn man sich die Mühe macht und sich 15 Minuten vom Anlegeplatz der zahlreichen Touristenboote entfernt, kann man die Idylle auch noch relativ ungestört genießen. Die Rückfahrt entpuppte sich dann als große Freude meiner Tochter und  Albtraum meiner Bandscheiben – nachdem die farbigen, muskulösen Bootsführer zur großen Sixpack-Show eingeladen hatten, indem sie ihre gestählten Oberkörper freilegen und mit großem Enthusiasmus sämtliche Touristen in die Boote gehievt hatten, startete die Show mit der Anweisung, alles festzuhalten was irgendwie wegfliegen könnte. Die Motoren wurden gestartet, je Boot zwei 400-PS Motoren wohlgemerkt, und los ging das Rennen in Richtung Cartagena mit unbeschreiblicher Geschwindigkeit. Alle waren völlig durchnässt aber glücklich und ich hatte wieder mal das Gefühl, dass unser so überreguliertes Leben hier in Europa einfach auch einen Verlust an Lebensfreude und überhaupt an der Fähigkeit Freude zu empfinden mit sich bringt.

Von Cartagena ging unsere Reise weiter in Richtung Osten, nach Santa Marta, wo wir dann im Dreamer, einem Backpacker-Hostel der gehobenen Klasse etwas außerhalb von Santa Marta nächtigten.  Der Dreamer ist wie eine Oase im heißen Santa Marta und lädt dazu ein, einfach mal einen Tag abzuhängen in einer der vielen Hängematten und sich mit den Backpackern über Gott und die Welt zu unterhalten. Menschen, die so lange mit einfachsten Mitteln durch die Welt reisen, sind immer interessant und ihre Geschichten und Erfahrungen immer sehr erfrischend und bereichernd.

Santa Marta ist als Ausgangspunkt für verschiedenste Unternehmungen sehr zu empfehlen. Von hier aus kann man den Tairona-Nationalpark, das Bergdorf Minca am Fuße der Sierra Nevada de Santa Marta sowie natürlich auch die bekannte Ciudad Perdida, Zeremonienstätte der Tairona-Kultur,  erkunden oder sich seinen Traum vom erschwinglichen Tauchen in Taganga verwirklichen.

Unsere Route führte uns zuerst nach Minca, einem kleinen Nest am Fuß der Sierra Nevada wo uns Eugenio auf seiner Kaffee-Finca La Candelaria hoch oben in den Bergen erklärte, wie aus der Kaffee- bzw. Kakaobohne das fertige Produkt wird.

Von Minca ging es dann per wackeligem Jeep zurück nach Santa Marta. Natürlich wurden etwas zu viele Personen in das Auto gepackt, aber es schien niemanden zu stören und als dann der Fahrer stolz verkündete, dass er WLAN im Auto habe, war ich perplex. Ich war selten an einem Ort gewesen, an dem Moderne und Magie so aufeinanderprallen wie in Kolumbien.

In Santa Marta setzten wir uns dann in einen lokalen Bus, welcher uns zum Haupteingang des Tairona-Nationalparks brachte. Wieder mieteten wir Pferde und ritten den staubigen Sandpfad entlang durch den Dschungel zum ersten Strand Arrecifes, wo wir in einer Hängematte die Nacht verbrachten. Dieser Park ist paradiesisch für Naturliebhaber, man kann stundenlange Strand- bzw. Dschungelspaziergänge machen oder auch Pferde mieten. Die Strände sind teils wild mit starken Strömungen im Wasser, andere wieder sind sicher und laden zum Baden ein.

Am Ausgang des Parks angekommen, hielt auch schon ein Bus an und ein freundliches Gesicht mit einem Grinsen von einem Ohr zum anderen fragte uns, ob wir mitfahren wollten. Er müsse weiter nach Osten, weil an der venezolanischen Grenze das Benzin viel billiger sei und er volltanken wolle. Tja, und so kamen Flavia und ich sozusagen zu einer Privatfahrt mit Andrés, der uns viel über Land und Leute erzählte.

In Palomino angekommen, rief uns Andrés ein Moped-Taxi herbei. Vom Moped – beladen mit uns, unseren dicken Rücksäcken und dem Fahrer – war nicht mehr allzu viel zu sehen. Palomino besticht durch seinen wunderschönen Strand soweit das Auge reicht. Noch hält sich die touristische Entwicklung in Grenzen, was dem Ort einen ganz besonderen Reiz verleiht. In Palomino fanden wir unseren perfekten Strand mit genialen Wellen und ganz viele besondere Menschen, die einem, durch ihre Art zu leben, wieder einmal vor Augen führen, dass es auch anders geht. Von hier aus kann man viel unternehmen, wir hatten uns für eine Tour hoch zu Ross in die Sierra Nevada entschieden, um das abgelegene Kogi-Dorf Neguanje zu besuchen, was eine Erfahrung der besonderen spirituellen Art war. Die Kogis leben dort oben völlig abgeschieden in einer zeit- und zahlenfreien  Welt.

Nach ein paar wunderschönen Tagen im Paradies reisten wir zurück nach Bogota und wählten eine Unterkunft mitten in der Candelaria, der Altstadt Bogotas. Man kann sich in diesem Künstlerviertel, geprägt durch imposante Graffitis, enge Gassen mit bunten Häusern, hippe Menschen, gute Restaurants und eine Vielzahl an chilligen Bars richtig wohlfühlen. Unseren letzten Tag in Kolumbien verbrachten wir dann damit, uns vom Streetlife der séptima, der wichtigsten Einkaufs- und Showstraße in diesem Stadtteil Bogotas, beeindrucken zu lassen. Es ist immer wieder unglaublich, wie kreativ und lebendig die Menschen sind und was alles zum Verkauf bzw. zur Unterhaltung angeboten wird. In der séptima ist alles zu finden, von der Wurzel aus Amazonien, die alles heilt über sensationelle Tanzeinlagen junger und alter Menschen bis hin zu selbsternannten Krankenschwestern, die für ein paar Pesos gerne ihren Blutdruck messen.

Leider ging unsere Reise nach dreieinhalb Wochen des absoluten Überflusses an Eindrücken, an Vitaminen, an Freundlichkeit und vor allem an unbändiger Lebensfreude zu Ende. Kolumbien ist ein atemberaubendes Land, wild und sinnlich, unendlich vielfältig und ausdrucksstark in jeder Weise. Seine pulsierende Lebensenergie ist ansteckend und könnte süchtig machen. Meine Tochter jedenfalls plant schon die nächste Reise und ich freue mich unendlich darauf!

 

 

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